Ich habe lange überlegt, ob ich hier einen Jahresrückblick schreibe. Es ist ja auch schon alles gesagt: 2023 war schwierig. Dass die Laufmaschen im Sozialnetz größer werden, auf der Schiene mehr steht als fährt, Olafs Kabinett der Kuriositäten nur mit Fachkräften besetzt zu sein scheint, die in der schule allesamt einen Unterkurs in Mathematik und Politik hatten, man bei den Nachrichten am liebsten schon nach "Guten Abend" ausschalten möchte und selbst die Nationalelf schon lange nichts mehr gerissen hat, hat auch der Letzte mitgekriegt. 2023 ist ausgelutscht, hat Kraft gekostet, müde gemacht. Man hat das Gefühl das ganze Land taumelt dem neuen Jahr entgegen wie ein Kirmesboxer, der eine Rechte zu viel kassiert hat.
Mein 2023 fühlt sich an, als hätte mich jemand bei "Verstehen Sie Spaß?" angemeldet. Die fröhliche Apokalypse begann völlig harmlos am Abend des 31.12.2022 als ich und meine Patenkiddies zum jährlichen Twister Duell antraten. Als ich rechte Hand auf grün, linke Hand auf blau, linker Fuß auf gelb und Hintern in der Schwebe über dem Spielfeld hing, erklärte mir ein kleiner blonder Lockenkopf gut gelaunt: "Jana, je mehr wir spielen, desto weniger kannst Du mitzählen, wie oft Du verlierst." Wenn ich geahnt hätte, dass diese Weisheit einer Vierjährigen so etwas wie meine Jahreslosung 2023 sein würde, ich hätte Erschwerniszulage beantragt.
Das Jahr war keine fünf Tage alt, als ein Familienmitglied verunglückte. Zwischen Januar und Mai erreichten mich dermaßen viele Nachrichten von Todesfällen in Familie und Freundeskreis, dass ich irgendwann wie ein bockiges Kind ins Telefon rief: "Ich nehm nicht mehr ab! Immer wenn Du anrufst, ist wieder einer gestorben." Mein doppelter Boden aus geliebten Menschen bekam Risse, eine langjährige Freundschaft ging in die Brüche, auch beruflich schien der Wurm drin. Ich nahm vieles mit heim, das mich nicht los ließ, fragte mich, ob ich überhaupt noch irgendetwas könne, zweifelte an dem, was mir sonst immer Spaß gemacht hatte und spürte wie die Begeisterung für meinen Beruf und damit ein Stück Identität ins Trudeln geriet. Hatte ich zu viel gewollt und konnte nun nicht liefern? Oder war das schlicht eine von diesen Phasen?
Auch meine Eltern werden älter. Das hat mich dieses Jahr stärker gefordert als sonst. mama geht erst zum Arzt, wenn schon fast amputiert werden muss und löscht gelegentlich das Internet. Papa mailt der Versicherung versehentlich die Urlaubsfotos, benutzt neuerdings Anti-Faltencremes und läßt mich bei jedem Heimatbesuch einen selbstgemischten Wundertrunk probieren, bei dem ich mich dann jedes Mal kopfüber in der Kloschüssel hängend wundere, warum ich nicht abgelehnt habe. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass sich so langsam ein Rollentausch anbahnt.
Zwischen Juni und September konnte ich nicht mehr schlafen, vergaß zu essen und hörte auf mich wirklich um mich zu kümmern. Meine Kraft ließ nach. Das Fenster in unserer Küche auch: es kippte an dem Tag aus den Angeln, an dem auch der Herd den Dienst quittierte und Nagetiere aus der Frankfurter Unterwelt als neue Mitbewohner bei uns einzogen. Dafür schien mein Hausarzt regelrecht in mich vernarrt zu sein. Wir verbrachten viel Zeit zusammen, leider immer nur in seinem Sprechzimmer. Unsere Beziehung wurde durch zwei etwas schwierigere Eingriffe und meine Anmerkung dass ich als Selbstständige nicht mal so eben ein paar Wochen ausfallen könne auf eine harte Probe gestell. Und dann fiel ich. Mein Körper zog die Reißleine. Wochenlang ging so gut wie nichts. Es dauerte eine Weile bis ich aufhörte, mich dafür mental fertig zu machen. Am Ende musste es sein, ich fragte endlich um Hilfe und mein Netzwerk aus lieben Menschen, die eine Hand ausstreckten, um mir aufzuhelfen trug.
So werde ich 2024 geschwächt aber noch stehend anfangen. Denn - wie ich jetzt weiss: je mehr man spielt, desto weniger kann man sich erinnern, wie oft man verloren hat 😉 Und das ist doch auch etwas!
Allen ein frohes neues Jahr!
xoxo, J.

