Seit über 30 Jahren ist subway Berlin eine wichtige Anlaufstelle für Jungs, junge Männer und TIN* (trans-, inter-, und nichtbinäre) Personen in der Sexarbeit. Im Gespräch mit Sozialarbeiter Richard erfahren wir, wie Subway als Safer Space funktioniert, warum digitales Streetwork so wichtig geworden ist und welche besonderen Herausforderungen sie erleben.
KM-Team: Hi Richard und schön, dass Du Zeit für das Interview gefunden hast! Erzähl mal von Euren Anfängen: wie wurde Subway ins Leben gerufen und wie seid Ihr seitdem gewachsen?
Richard: Gerne. Einer unserer Gründer, damals Architekturstudent, verdiente sein Geld am Berliner Bahnhof Zoo mit dem Verkauf von Hot Dogs. Dabei beobachtete er regelmäßig Jungen und junge Männer, die dort anschafften. Angesichts der AIDS-Krise in dieser Zeit begann er, diesen Jugendlichen Unterstützung anzubieten. 1992 wurde daraus zunächst das Projekt subway gegründet – und später dann der Verein HILFE-FÜR-JUNGS e.V., der heute sechs Projekte umfasst.
KM-Team: Was sind die häufigsten Themen, mit denen Leute zu Euch kommen?
Richard: Eine ganze Palette, würde ich sagen. Wenn man es etwas strukturieren möchte, dann kommen die meisten Menschen zu uns wegen grundlegender Bedürfnisse: etwas zu essen, eine Dusche, frische Kleidung oder die Nutzung unserer Kleiderkammer. Viele benötigen zudem Unterstützung bei existenzsichernden Maßnahmen – etwa beim Ausfüllen von Anträgen für Sozialleistungen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Gesundheit – sowohl die sexuelle als auch die allgemeine. Dafür bieten wir eine medizinische Sprechstunde an. Und manchmal möchten die Menschen einfach nur reden.
KM-Team: Welche besonderen Herausforderungen erleben männliche und TIN* Sexarbeitende im Vergleich zu weiblichen Kolleginnen?
Richard: Ich möchte kein „und“ zwischen cis-männlich und TIN setzen – beide Gruppen stehen jeweils für sich und haben unterschiedliche Herausforderungen. Männliche Sexarbeitende erleben oft eine fehlende Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Sie sind stark von Stigmatisierung und teils auch von rassistischen Zuschreibungen betroffen. TIN Personen – insbesondere auf dem Straßenstrich in Berlin – sind zudem leider sehr häufig Gewalt ausgesetzt. Sie sind oft allein unterwegs, ohne eine tragfähige Community. Das macht sie besonders verletzlich.
KM-Team: Männliche und TIN* Sexarbeitende sind, wie Du sagst, oft besonders isoliert und Gewalt ausgesetzt. Viele haben auch einen Migrationshintergrund und erleben dadurch zusätzliche Diskriminierung. Wie gestaltet Ihr Eure Beratung und welche besonderen Herausforderungen begegnen Euch dabei?
Richard: Unsere Anlaufstelle ist ein Safer Space, in dem Mehrfachdiskriminierung sensibel beachtet wird. Wir arbeiten empowernd, parteilich und ressourcenorientiert. Das bedeutet, dass wir nicht nur zuhören und beraten, sondern auch konkret unterstützen, beispielsweise mit anwaltlicher Begleitung, wenn notwendig. Gerade im Bereich des Kinderschutzes ist dies von höchstem Belang. Wir sensibilisieren für Rechte und Selbstbestimmung und ermutigen unsere Klient*innen, ihre Anliegen offen zu benennen.
KM-Team: Ihr macht auch "digital Streetwork". Wie gestaltet sich diese Arbeit konkret?
Richard: Schön, dass du danach fragst. Unser digitales Streetwork läuft inzwischen seit zwei Jahren. Wir sind auf verschiedenen Plattformen, darunter auch auf eurer, aktiv und treten mit Menschen unserer Zielgruppe in Kontakt. Dabei geht es in erster Linie um Informationsweitergabe. Auch auf Hook-Up-Apps sind wir mit einem eigenen Profil vertreten. Dort achten wir insbesondere auf Kinder- und Jugendschutz, bieten Infos zu Gesundheit, Schutzrechten und klären über Hate Speech auf. Wer auf unsere Nachrichten reagiert, wird eingeladen, in unsere Anlaufstelle zu kommen. Dort klären wir den konkreten Unterstützungsbedarf.
KM-Team: Online-Dating vereinfacht viele Abläufe für Sexarbeitende und Kund*innen. Gibt es auch Risiken, die Ihr seht? Und wie können sich Sexarbeitende schützen?
Richard: Ja, durch Online-Dating und Plattformen wie Kaufmich wird vieles erleichtert – etwa die Kontaktanbahnung, die Vorauswahl von Kund*innen oder die Organisation von Terminen. Gleichzeitig bringt die digitale Sichtbarkeit aber auch neue Risiken mit sich: etwa unerwünschte Bildverbreitung, Cyber-Grooming, Betrugsversuche, soziale Isolation oder die Gefahr, bei der Arbeit allein in unsichere Situationen zu geraten.
Wir empfehlen daher Strategien zur Selbstsicherung – etwa sichere Treffpunkte, Verabredungen mit Vertrauenspersonen („Check-in“-System), die Nutzung anonymer Zahlungsmethoden sowie ein bewusster Umgang mit Daten und Bildern im Netz. Auch digitale Gewalt oder Hate Speech sind Themen, die wir mit unseren Klient*innen besprechen. Wichtig ist: Schutz beginnt mit Information und genau hier setzen wir mit unserem digitalen Streetwork und Präventionsarbeit an. Unser trägerinternes Projekt SMART+ bietet zudem immer wieder tolle Workshops zu dieser Thematik. Interessierte schaut mal bei SMART Berlin vorbei!
KM-Team: Bei Arzt- oder Klinikbesuchen stoßen Sexarbeitende leider oft auf Diskriminierung. Wie unterstützt Ihr sie dabei, dennoch Zugang zu medizinischer Versorgung zu bekommen?
Richard: Diskriminierende Erfahrungen im Gesundheitswesen sind für viele Sexarbeitende – gerade mit Migrationsgeschichte oder trans* Identität – leider keine Ausnahme. Umso wichtiger ist es, niederschwellige, akzeptierende und vertrauensvolle Zugänge zu schaffen.
Wir bieten bei subway jeden Freitag eine medizinische Sprechstunde in unseren Räumlichkeiten an, offen für alle, unabhängig von Versicherungsstatus oder Aufenthaltsrecht. Zudem arbeiten wir mit engagierten Ärzt*innen zusammen, die unsere Haltung teilen. Darüber hinaus setzen wir uns langfristig für Sensibilisierung und Fortbildung im medizinischen Bereich ein, etwa durch Fach-Inputs in Curricula und Praxisschulungen für angehende Mediziner*innen.
Lese-Tipp: Wie finde ich Ärzte*innen, die meinen Beruf respektieren?
KM-Team: Wie sollten sich Kund*innen verhalten, wenn sie Anzeichen von Zwang oder Ausbeutung wahrnehmen?
Richard: Zwang und Ausbeutung haben in der Sexarbeit nichts verloren – das ist uns ganz wichtig. Wenn Kund*innen den Eindruck haben, dass eine Person nicht freiwillig arbeitet, sollten sie sensibel und aufmerksam reagieren, ohne vorschnell zu urteilen oder die Situation zu eskalieren.
In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, professionelle Stellen zu informieren – etwa Fachberatungsstellen, den Berliner Notdienst Kinderschutz (bei Verdacht auf Minderjährigkeit) oder spezialisierte Polizeiabteilungen wie die Ansprechpersonen der Berliner Polizei für LSBTIQ. Niemand sollte dabei den Alleingang wagen. Auch über unsere Anlaufstelle oder per Mail können Hinweise anonym gegeben werden. Wichtig ist: Schweigen hilft den Falschen.
KM-Team: Was wünscht Ihr Euch von der Politik und der Gesellschaft, um die Situation Eurer Zielgruppe zu verbessern?
Richard: Wir wünschen uns, dass Sexarbeit aus der moralischen Ecke geholt und differenzierter betrachtet wird. Es braucht eine klare Unterscheidung zwischen freiwilliger, selbstbestimmter Sexarbeit – die ein Arbeitsfeld wie viele andere ist – und Formen von Ausbeutung oder Gewalt, die wir deutlich benennen und bekämpfen müssen.
Gesetzliche Rahmenbedingungen sollten auf Schutz und Rechte der Arbeitenden fokussieren, nicht auf Repression, Kriminalisierung oder Stigmatisierung. Mehrsprachige Informationsangebote, aufenthaltsunabhängiger Zugang zu Gesundheitsversorgung sowie Empowerment-Programmen für Sexarbeitende sind Schritte in die richtige Richtung.
Und ganz grundsätzlich: mehr Respekt, mehr zuhören, weniger über Menschen reden – sondern mit ihnen.
KM-Team: Sehr gute Klarstellung! Zu guter Letzt: Wie kann man Euch erreichen, oder sogar bei Euch mitmachen?
Richard: Am besten erreicht man uns per Mail ([email protected]), telefonisch (030/23520476) oder über Instagram @subway.berlin – alle Kontaktmöglichkeiten stehen auf unserer Website. Besonders freuen wir uns über Menschen, die uns durch Spenden unterstützen möchten. Wir sagen: Willkommen bei subway!
KM-Team: Richard, vielen Dank für diesen ehrlichen und wichtigen Einblick in Eure Arbeit! Es ist beeindruckend zu sehen, wie Ihr als Team nicht nur konkrete Hilfe leistet, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen anstoßt. Wir wünschen Euch alles Gute und viel Erfolg.
Sexarbeit ist Arbeit, die Respekt und Anerkennung verdient, und Sexarbeitende verdienen Unterstützung und Beratung auf Augenhöhe, wenn sie diese wünschen. Auf Kaufmich setzen wir uns für einen selbstbestimmten, sicheren und fairen Umgang miteinander ein. Deshalb ist es uns wichtig, mit Beratungsstellen wie subway zu sprechen - denn Schutz, Aufklärung und Solidarität gehen uns alle etwas an.
Solltest Du selbst Unterstützung suchen, jemanden kennen, der Beratung benötigt oder eine Situationen beobachten, die Dich stutzig macht: Sieh nicht weg! Hier findest Du eine ausführliche Liste mit Beratungsstellen in ganz Deutschland.
Gemeinsam können wir dazu beitragen, dass Sexarbeit in einem Umfeld stattfindet, das von Respekt, Sicherheit und gegenseitigem Verständnis geprägt ist.
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