Warum im Paysex Höflichkeit wichtiger ist als Geilheit
Wenn Außenstehende sich Sexarbeit vorstellen, denken sie oft an Extreme: an Grenzüberschreitungen, ungezügeltes Verlangen, an so manche Klippen und Abgründe. Und ich will hier nichts beschönigen: Die Schattenseiten können im Spiegel menschlicher Lust und Gier massiv sein. Aber Paysex hat einen Vorteil, den die meisten Normalojobs meistens nicht haben: Man erkennt Muster schneller.
In der normalen Arbeitswelt sind Mobbing und eine 35-Stunden-Woche im Rahmen eines Tarifvertrags kein Widerspruch. Acht Stunden können verdammt lang sein, wenn man sich als Kolleg:innen im Großraumbüro nicht ausstehen kann.
In der Sexarbeit sind die Begegnungen vergleichsweise kurz. Die Entscheidung, ob es überhaupt dazu kommt, fällt vorher. Und sie fällt am Telefon. Da zählen weder Aussehen noch Status. Da zählt nur, wie einer mit mir redet.
Wenn in der Stimme eines Mannes ein Machtgefälle mitschwingt, wenn ich merke, dass er mich gar nicht verstehen will oder kann, dann treffe ich ihn nicht. So einfach ist das. Und ich treffe eine Menge Männer nicht, die sich den lieben langen Tag melden. Man könnte meinen, im Paysex nimmt man jeden mit, der Geld hat. Aber ich möchte nicht so aussehen, wie man aussieht, wenn man das tut. Und mit den falschen Männern geht das schneller, als man denkt.
Es gibt viele Gründe, warum ich jemanden ablehne. Hygiene vorausgesetzt, haben sie fast immer mit dem Ton zu tun. Mit Mustern, die ich sofort erkenne. Gerade wenn Sex eine Rolle spielen wird, sind viele heterosexuelle Männer nicht besonders geschickt darin, sich zu verstellen. Das macht das Aussortieren leichter, als man denkt. Vieles hört man schon an der Stimme.
Der Untertitel dieses Blogs stellt Höflichkeit gegen Geilheit. Das klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner. Geilheit ohne Höflichkeit ist eine Zumutung. Wer glaubt, dass Geld Benehmen ersetzt, hat nichts verstanden.
So viel kann mir niemand bieten, dass ich meine Grenzen und Grundsätze über Bord werfe. Das geht weniger gut, wenn man unter Druck steht. Wenn es eine Sprachbarriere gibt, die eine klare Rahmensetzung unmöglich macht. Wenn Erfahrung fehlt. Oder wenn man nie gelernt hat, mit Menschen gut umzugehen, sondern sie nur zu benutzen. Oder wenn man sich nur darüber Gedanken macht, wie man an ein Date kommt, und nicht, wie man sich danach fühlt.
Ich habe das gelernt. In Jahren als Escort – und in ein paar Sekunden am Telefon.

