„Sie ist Prostituierte!"
Ein Leben im Vorurteil der anderen
Die einen finden das Thema Rotlicht aufregend, für die anderen ist Sexarbeit bis heute ein rotes Tuch. Kaum etwas polarisiert so sehr und erhitzt die Gemüter auf vergleichbare Weise. Sichtbar sind die wenigsten Menschen in der Sexarbeit. Nur wenige zeigen in ihren Profilen ihr Gesicht, noch weniger werden jenseits dieses Kontextes überhaupt als mündige Menschen wahrgenommen. Gesellschaftlich eine Rolle spielt man erst dann, wenn man auch außerhalb der Sexarbeit sichtbar werden kann, unabhängig von ihr. Ohne angst vor einem Outing haben zu müssen. Aber das Gegenteil ist der Fall, und eine geoutete Sexworkerin bleibt die Ausnahme.
Woran liegt das? Ich glaube nicht, dass man das an einem einzigen Punkt festmachen kann. Sexualität und Erotik gehören untrennbar zum Menschsein. Merkwürdig ist aber, dass ausgerechnet Menschen, die mit Erotik ihren Lebensunterhalt bestreiten, noch immer so stark ausgegrenzt werden. In Artikeln liest man bis heute Formulierungen wie: „Sie arbeitet als Prostituierte." Fast nie ist das neutral gemeint, geschweige denn anerkennend. Es klingt oft wie ein Stempel, nicht wie eine bloße Information. Ähnlich, wie früher vom „homosexuellen Milieu" die Rede war, ein Ausdruck, der heute aus gutem Grund weitgehend verschwunden ist.
Schwule und Lesben haben sich gesellschaftlich emanzipiert. Auch viele Frauen leben heute selbstbestimmter als noch in den siebziger Jahren, als ein Ehemann mitentscheiden konnte, ob seine Frau überhaupt arbeiten durfte. Und doch wirkt Sexarbeit bis heute wie ein Bereich, der von vielen gesellschaftlichen Entwicklungen abgehängt geblieben ist.
Das hat, denke ich, vor allem soziale Gründe. Sexarbeit wird noch immer als etwas betrachtet, das außerhalb der Norm liegt. Daran hat sich auch in den letzten Jahren erstaunlich wenig geändert. Für viele von uns fühlt es sich an, als säßen wir in einem früheren Jahrhundert fest. Vieles, was andere für selbstverständlich halten: Zugehörigkeit, Respektabilität, Teilhabe, ein unbefangenes Privatleben, ist mit dem Stempel „Prostituierte" längst nicht so leicht zu haben.
Und trotzdem gibt es in diesem Leben auch Freiheitsgrade, von denen andere nur träumen können. Sexarbeitende wissen oft sehr genau, wie komplex Menschen sind, wie viel sich hinter Fassaden verbirgt und wie oft das sogenannte normale Leben auf Selbsttäuschungen beruht. Wer auf uns zeigt, verweist damit häufig auch auf die eigenen Widersprüche. Vielleicht sind wir gerade deshalb so störend für viele: weil wir etwas sichtbar machen, das man lieber verdecken würde.
In gewisser Weise sind wir auch ein Beweis dafür, dass es um Emanzipation und echte Teilhabe in dieser Gesellschaft eben doch nicht so gut bestellt ist, wie viele gern behaupten. Liegt das an den Milieus, die uns verachten? An den Strukturen, in denen Prostitution stattfinden muss? An der gesellschaftlichen Doppelmoral? Wahrscheinlich an all dem zusammen etwas.
Und ja, auch das muss man aussprechen: Es sind nicht nur Männer, die Sexarbeitenden das Leben schwer machen. Domenica nannte sie verächtlich die „bürgerlichen Frauen". Oft sind es gerade Frauen, die andere Frauen ganz bewusst ausgrenzen, verurteilen und moralisch auf Abstand gehen. Das wirft Fragen auf. Wie solidarisch ist eine Frauenbewegung, die für Selbstbestimmung eintritt, aber bei Sexarbeit oft in Abwehr kippt? Warum können Frauen in diesem Feld nicht selbstbewusster auftreten, ohne sofort wieder unter Verdacht zu geraten? Manchmal hat man sogar den Eindruck, es wird eher schlimmer als besser.

